Seid fair mit Russland

Interview des Botschafters der Russischen Föderation, Vladimir V. Kotenev, und seiner Gattin, Maria S. Koteneva, für das Magazin „Cicero“

 

Cicero: Herr Botschafter, haben die deutschen Medien ein festes Bild von Russland?

KOTENEV: Sie begegnen hier bei vielen Medien wieder den gleichen Stereotypen. Gerade erst habe ich in einer überregionalen Tageszeitung einen Artikel über den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder gelesen. Der Journalist schrieb, Herr Schröder arbeite für die Gasprom, Gasprom sei wiederum ein staatlich gelenktes Monstrum, und der Staat werde vom „KGB-Mann“ Putin, geführt. Will man damit weismachen, da sei alles KGB, samt Gerhard Schröder?

Herr Schröder arbeitet nicht bei der Gasprom. Er ist lediglich der Vorsitzende des Aufsichtsrats eines Konsortiums, dem vier Unternehmen angehören, zwei deutsche, ein holländisches und die Gasprom,

Cicero: …die Mehrheitsaktionär ist.

KOTENEV: Aber zunächst mal steht Herr Schröder einem internationalen Konsortium vor, das eine Gasleitung von Russland nach Deutschland baut. Diese North European Gas Pipeline ist von vitaler Bedeutung für die Energieversorgung in Europa, ein Projekt, das die Europäische Kommission vor vielen Jahren gut geheißen hat. Ihr damaliger Vorsitzender Romano Prodi hatte unseren Präsidenten Wladimir Putin sogar um eine Leitung gebeten. Das ist in Russland allgemein bekannt, nur die Deutschen wissen das nicht.

Cicero: Sie können die Beunruhigung der Polen und der Balten nicht verstehen?

KOTENEV: Nein. Die Leute meinen, Russland wolle seine Energien wie eine Waffe verwenden. Das ist falsch. Amerikanische Regierungsvertreter haben schon Anfang vorigen Jahres die Europäische Union davor gewarnt, bei ihrer Energieversorgung nicht in Abhängigkeit von Russland zu geraten. Da fragt man sich, warum machen sich die Amerikaner solche Sorgen über die europäische Energiesicherheit? Und warum tun die Balten, Polen und Schweden in ihrem vermeintlichen Umwelteifer so, als ginge es dabei nicht um die Gasröhre, sondern um die Geschützröhre von Kanonenbooten?

Cicero: Sie meinen also, die Berichterstattung wird bewusst gesteuert?

KOTENEV: Bekanntlich gibt es vor allen Dingen in Übersee, aber auch in Deutschland eine Reihe von Think Tanks. Journalisten hier sprechen gerne von Fakten. Entscheidend aber ist, woher diese Fakten kommen. Es gibt absolute Wahrheiten: Herr X wurde im Jahr Y geboren. Und dann gibt es nicht bestätigte Informationen, und wenn die nicht bestätigt sind, dann verschwinden die meistens einen Tag später. Und es gibt gezielt verbreitete Informationen, die dafür da sind, um eine andere Information zu provozieren. Zwischen all diesen Informationen muss sich der Journalist zurechtfinden.

Cicero: Was sind typische Russlandklischees?

KOTENEV: Erstens: Die russische Regierung sei der KGB. Zweitens: Russland sei keine Demokratie. Drittens: Es gäbe keine Pressefreiheit.

KOTENEVA: Noch immer glaubt man, die Russen tränken eimerweise Wodka. Obendrein gibt es das Bild von diesen neureichen Russen, die mit Geld um sich werfen, und von der Mafia.

KOTENEV: Für die Menschen hier ist Russland immer das gleiche Russland geblieben: Das Russland der Zarenzeit, das Russland des Sowjetimperiums und jetzt die Russische Föderation. Das ist alles Russland. Das verstehe ich, schließlich haben sich die deutschen Grenzen im vergangenen Jahrhundert auch ein paar Mal geändert, und doch ist Deutschland in den Augen anderer Nationen immer Deutschland geblieben. Aber man muss diese Perioden voneinander unterscheiden.

Cicero: Haben sich auch die internen Strukturen und die Mentalität in den russischen Geheimdiensten geändert?

KOTENEV: Während der Oktoberrevolution 1917 kamen die Bolschewiki mit Lenin, und sie wollten eine neue Weltordnung schaffen. Sie öffneten alle Archive des Zaren – niemand hat jedoch Gegenschritte gemacht. Und gehen Sie weiter zu Wadim Bakatin, dem letzten Vorsitzenden des KGB. Er übergab den Amerikanern im Jahr 1991 das Schema der Abhöranlagen in der amerikanischen Botschaft in Moskau in der Hoffnung, dass sie das gleiche tun würden. Das war eine Geste des guten Willens. Ein paar Jahre später bauten wir eine neue russische Botschaft in Washington, und schließlich stellte sich heraus, dass die Amerikaner unter unserer Botschaft einen unterirdischen Gang mit Abhörsystemen gebaut hatten. Damit will ich Ihnen sagen, dass alle Staaten Geheimdienste haben, auch wir. Natürlich haben wir keinen KGB mehr. Warum gab es überhaupt so einen mächtigen Unterdrückungsapparat? Weil nach den Wirren des ersten Weltkriegs und den Revolutionen das damalige Russland zu einer leichten Beute für eine gute Dutzend Mächte einschließlich Deutschland geworden ist. Darüber können Sie in den jüngsten Spiegel-Ausgaben nachlesen. Und natürlich weil es Hitler gab.

Demnach sind russische Geheimdienste heute nichts anderes, als ordentlich funktionierende Behörden?

KOTENEV: … so ist es. Übrigens arbeiten sie jetzt eng mit ihren amerikanischen, französischen und deutschen Kollegen bei der Terrorismusbekämpfung zusammen.
29.01.2008

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